Es gibt zum aktuellen Zeitpunkt (Stand Januar 2024) keine expliziten Richtlinien für Servicerobotik im öffentlichen Raum. Die Regulierung hängt oft von der spezifischen Anwendung und dem Einsatzzweck ab. Es gibt jedoch einige relevante Normen, Vorschriften und Gesetze, die für den Einsatz von autonomen, mobilen Systemen inklusive flexibler Roboterarme im Öffentlichen Raum relevant sind. Die wichtigsten Aspekte in den identifizierten Dokumenten sind im Folgenden stichpunktartig zusammengefasst.
Maschinenrichtlinie und EU-Verordnung 2023/1230
Mit der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG (MRL) werden in der Europäischen Union einheitliche Anforderungen an die Sicherheit und den Gesundheitsschutz gestellt. Dadurch wird vor allem der freie Handel von Maschinen ermöglicht. Die Richtlinie betrifft sowohl Hersteller als auch Betreibende und Inverkehrbringende von Maschinen. Die Maschinenrichtlinie ist eine EU-Richtlinie und richtet sich damit an die EU-Mitgliedstaaten und nicht an die EU-Bürger*innen. Alle EU-Mitgliedstaaten sind jedoch verpflichtet, die Richtlinie umzusetzen, um Vertragsverletzungsverfahren zu vermeiden. Diese Umsetzung erfolgt durch nationale Gesetze und Verordnungen, die die Anforderungen umsetzen.
In Deutschland ist dies das Produktsicherheitsgesetz (ProdSG), das neben der MRL auch weitere europäische Richtlinien für den Binnenmarkt in nationales Recht umsetzt. Auch in der 9. Produktsicherheitsverordnung wurden die Vorgaben der Maschinenrichtlinie umgesetzt. Eine Erklärung, welche Produkte der Verordnung unterliegen bzw. nicht unterliegen, befindet sich in §1 Anwendungsbereich. Hersteller sollten also das Produktsicherheitsgesetz (ProdSG), die 9. Produktsicherheitsverordnung und die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG mit ihren 12 Anhängen berücksichtigen, um wirklich alle Anforderungen juristisch sicher erfüllt zu haben. Mit der Maschinenverordnung (MVO) legt die EU Anforderungen an die Maschinensicherheit in naher Zukunft neu fest, indem sie diese dem Stand der Technik anpasst.
Elektromagnetische Verträglichkeit EMV-Richtlinie 2014/30/EU
EMV steht für elektromagnetische Verträglichkeit. EMV-Prüfungen dienen demzufolge der Untersuchung der elektromagnetischen Verträglichkeit eines Produktes oder der elektrischen Anlage. Dazu gehört zum einen die Untersuchung, wie empfindlich oder unempfindlich ein Gerät gegenüber externen Störungen durch die elektromagnetische Umwelt ist, zum anderen auch die Prüfung, ob vom Gerät selbst ungewollt Störungen auf andere elektrische Geräte ausgehen. Denn EMV-Konflikte bzw. die Wechselwirkungen zwischen den Geräten können zu ernsthaften Fehlfunktionen in elektrischen Steuerungen oder Anlagen führen.
Radio Equipment Directive der Europäischen Union (RED-Richtlinie, 2014/53/EU, kurz: RED)
Das Funkanlagengesetz bzw. die Radio Equipment Directive der Europäischen Union (RED- Richtlinie, 2014/53/EU, kurz: RED) wurde 2014 im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht und gilt für alle elektrischen und elektronischen Geräte, die bestimmungsgemäß Funkwellen, das heißt elektromagnetische Wellen mit Frequenzen unter 3.000 GHz, ausstrahlen und empfangen. Die RED ersetzt die 1999 veröffentlichte Richtlinie über Funkanlagen und Telekommunikationseinrichtungen (R&TTE-Richtlinie). Die RED-Richtlinie fordert die Einhaltung der grundlegenden Anforderungen zum Schutz von Gesundheit und Sicherheit sowie zur elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV) und der effizienten Nutzung von Funkfrequenzen. Ab 2024 verlangt die RED für internetfähige Produkte zusätzlich Anforderungen an die Cybersicherheit und die Verwendung einheitlicher Ladeschnittstellen für Geräte in ihrem Anwendungsbereich.
⇒ umgesetzt durch das Funkanlagengesetz
European Cyber Resilience Act (CRA)
Der CRA schreibt EU-weit erstmalig verpflichtende Maßnahmen für die Cybersicherheit internetfähiger Geräte und Produkte vor. Ab August 2024 umfasst die EU-Verordnung zur Radio Equipment Directive (RED) zudem verpflichtend Cybersicherheit für alle Wireless-Geräte wie Mobiltelefone, Tablets oder Smartwatches. In den USA gab es eine zunehmende Zahl von Durchführungsverordnungen zur Cybersicherheit, die US-Behörden wie CISA dazu veranlassten, an der Umsetzung von Cybersicherheitsanforderungen für mehrere Branchen zu arbeiten. Für alle Regularien gilt: Unternehmen müssen prüfen, ob sie betroffen sind und wie sie entsprechende Änderungen am effizientesten durchführen. Normen und Zertifizierungen durch unabhängige Dritte werden dabei mit Blick auf die länderübergreifende Umsetzung noch wichtiger.
Anwendbare Normen in Bezug auf Sicherheit und die Maschinenrichtlinie
Abhängig vom Sicherheitskonzept des Roboters sind bestimmte Normen anwendbar und andere nicht. Wichtig ist hier folgender Auszug aus der Maschinenrichtlinie Anhang VII – Die angewandten Normen und sonstigen technischen Spezifikationen unter Angabe der von diesen Normen erfassten grundlegenden Sicherheits- und Gesundheitsschutzanforderungen:
EN ISO 12100:2010: Sicherheit von Maschinen – Allgemeine Gestaltungsleitsätze – Risikobeurteilung und Risikominderung (ISO 12100:2010); Deutsche Fassung EN ISO 12100:2010
EN ISO 13849-1:2015: Sicherheit von Maschinen – Sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen – Teil 1: Allgemeine Gestaltungsleitsätze (ISO 13849-1:2015); Deutsche Fassung EN ISO 13849-1:2015
EN ISO 13482:2014: Roboter und Robotikgeräte – Sicherheitsanforderungen für persönliche Assistenzroboter (ISO13482:2014); Deutsche Fassung EN ISO 13482:2014
EN ISO 10218-1:2011: Industrieroboter – Sicherheitsanforderungen – Teil 1: Roboter (ISO 10218-1:2011); Deutsche Fassung EN ISO 10218-1:2011
EN ISO 10218-2:2011: Industrieroboter – Sicherheitsanforderungen – Teil 2: Robotersysteme und Integration (ISO10218-2:2011); Deutsche Fassung EN ISO 10218-2:2011
EN 60204-1:2018: Sicherheit von Maschinen – Elektrische Ausrüstung von Maschinen – Teil 1: Allgemeine Anforderungen (IEC 60204-1:2016, modifiziert); Deutsche Fassung EN 60204-1:2018
DIN EN 60335-1:2020-08: Sicherheit elektrischer Geräte für den Hausgebrauch und ähnliche Zwecke – Teil 1: Allgemeine Anforderungen (IEC 60335-1:2010, modifiziert + COR1:2010 + COR2:2011 + A1:2013, modifiziert + A1:2013/COR1:2014 + A2:2016 + A2:2016/COR1:2016); Deutsche Fassung EN60335-1:2012 + AC:2014 + A11:2014 + A13:2017 + A1:2019 + A2:2019 + A14:2019
EN 60335-2-69:2012: Sicherheit elektrischer Geräte für den Hausgebrauch und ähnliche Zwecke — Teil 2-69: Besondere Anforderungen für Staub- und Wassersauger für den gewerblichen Gebrauch IEC60335-2-69:2012 (modifiziert)
EN 60335-2-72:2012: Sicherheit elektrischer Geräte für den Hausgebrauch und ähnliche Zwecke — Teil 2-72: Besondere Anforderungen für Bodenbehandlungsmaschinen, mit oder ohne Fahrantrieb, für den gewerblichen Gebrauch IEC 60335-2-72:2012 (modifiziert)
EN ISO 13850:2015: Sicherheit von Maschinen – Not-Halt-Funktion – Gestaltungsleitsätze (ISO 13850:2015); Deutsche Fassung EN ISO 13850:2015
ISO 13857:2019-10: Sicherheit von Maschinen – Sicherheitsabstände gegen das Erreichen von Gefährdungsbereichen mit den oberen und unteren Gliedmaßen
IEC 61496-2:2020: Safety of machinery – Electro-sensitive protective equipment – Part 2: Particular requirements for equipment using active optoelectronic protective devices (AOPDs)
EN 62619:2017: Akkumulatoren und Batterien mit alkalischen oder anderen nicht säurehaltigen Elektrolyten – Sicherheitsanforderungen für Lithium-Akkumulatoren und -Batterien für die Verwendung in industriellen Anwendungen (IEC 62619:2017); Deutsche Fassung EN 62619:2017
EN ISO 3691-4:2020: Flurförderzeuge – Sicherheitstechnische Anforderungen und Verifizierung – Teil 4: Fahrerlose Flurförderzeuge und ihre Systeme (ISO 3691-4:2020); Deutsche Fassung EN ISO 3691-4:2020
DIN EN 60529:2014-09: Schutzarten durch Gehäuse (IP-Code) (IEC 60529:1989 + A1:1999 + A2:2013); Deutsche Fassung EN 60529:1991 + A1:2000 + A2:2013
EN 61000-4-2:2009: Elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) – Teil 4-2: Prüf- und Messverfahren – Prüfung der Störfestigkeit gegen die Entladung statischer Elektrizität (IEC 61000-4-2:2008); Deutsche Fassung EN 61000-4-2:2009
EN IEC 61000-6-2:2019: Elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) – Teil 6-2: Fachgrundnormen – Störfestigkeit für Industriebereiche (IEC 61000-6-2:2016); Deutsche Fassung EN IEC 61000-6-2:2019
DIN IEC/TR 63074:2021-05: Maschinensicherheit – Aspekte zur Cybersicherheit in Verbindung mit der funktionalen Sicherheit von sicherheitsrelevanten Steuerungssystemen (IEC TR63074:2019)
Weiterführende Links und Literatur
Martin Hägele, Nikolaus Blümlein, Oliver Kleine: Wirtschaftlichkeitsanalysen neuartiger Servicerobotik-Anwendungen und ihre Bedeutung für die Robotik-Entwicklung. Eine Analyse der Fraunhofer-Institute IPA und ISI im Auftrag des BMBF. URL: https://www.ipa.fraunhofer.de/content/dam/ipa/de/documents/Kompetenzen/Roboter–und-Assistenzsysteme/Studie_EFFIROB.pdf

